„Why do they want to do us harm?“


Anti-Amerikanisches Wandbild im Iran

Anti-Amerikanisches Wandbild im Iran

Es ist bedauernswert, aber auch unter der neuen Regierung wird nur wenig über die eigentlichen Ursachen und die Motive des islamischen Anti-Amerikanismus (und in seiner radikalsten Ausprägung, Terrorismus) gesprochen. Zuletzt hatten zwei Anschläge – eines auf ein Flugzeug am 25. Dezember, das andere auf eine CIA Basis an der Afghanisch-Pakistanischen Grenze – die Öffentlichkeit in den USA erneut daran erinnert, dass es dort draußen Menschen zu geben scheint, denen es daran gelegen ist, US Amerikaner zu töten. Allein über das „Warum“ erfahren sie wenig.

Eine befriedigende Antwort hierauf würde sich ohne Frage in die Länge ziehen – zu Recht. Man müsste sich – sicherlich nicht nur, aber auch – mit den Verfehlungen der USA in der Region auseinandersetzen. Man müsste auf die lange Geschichte Amerikanischer Interventionen verwiesen, bei denen zahlreicher demokratische Oppositionsbewegungen unterdrückt und im Gegenzug Islamistische Bewegungen (die selben die man heute bekämpft) unterstützt wurden. Ebenso müsste man natürlich die aktuellen Fällen Guantanamo, Abu Ghraib oder die Zivilopfern bei Übergriffen amerikanischer Privatarmeen in Irak, Afghanistan und Pakistan benennen. Schaut man sich diese Bilanz an, so wird verständlich, weshalb Timothy Mitchell einmal schrieb, das Erstaunlichste am islamischen Anti-Amerikanismus in der Region sei, dass es hiervon so wenig gebe.

Wohl auch weil die Antwort so ernüchternd ausfallen würde, weichen auch die US-Medien der Frage meist gezielt aus. Stattdessen einigt man sich zwischen Politik und Medien bereits seit langem auf die Deutung, dass die „Islamische Wut“ (Bernard Lewis) gegenüber den USA erstens irrational, zweitens eine Ausrede und drittens quasi pathologisch sei. Ein Vertreter diese Deutung fasste es einmal so zusammen:

„Islamic fundamentalists and Arab natioanlists hate America because it stands for democracy, freedom, and human rights. America’s free and democratic culture made it not only the world’s most prosperous land but also the world’s most dominant power … for many in the Middle East, our success is a constant and sad reminder of their failure.“ (zitiert in: Islam, Iyanatul (2006); Anti-Americanism in the Muslim world, in: The Rise of Anti-Americanism, O’Connor/ Griffiths (Hg.), p. 69)

Scheint doch alles ganz klar. Es ist also vor allem der Neid auf Amerikas Großartigkeit, der den irrationalen Reflex der Wut hervorruft. Dieser herablassenden These hatte sich auch Georg W. Bush mit seinem „Sie-hassen-uns-wegen-unserer-Freiheit“ Nonsens verschrieben.

Bei all der Verblendung ist es nun Helen Thomas – der grauen Eminenz des Pressekorps im Weißen Haus – umso höher anzurechnen, dass sie (zum wiederholten Mal) als einziges Mitglied des journalistischen Mainstreams diese geläufige Darstellung hinterfragt hat. Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus, bei der sich die Heimatschutzministerin Janet Napolitano und der Anti-Terror Berater John Brennan zum beinahe Anschlag auf ein US Passagierflugzeug äußerten, hielt sich Frau Thomas nicht mit Nuancen über Nacktscanner und Fluglisten auf, sondern kam gleich zur Grundsatzfrage. Es ist bezeichnend für den politischen Diskurs, dass Frau Thomas zunächst mit generischen Antworten abgespeist, und später gar völlig ignoriert wird.

Sollte jemand Frau Thomas eine ehrliche Antwort geben wollen, so könnte er/sie auch auf den zweiten Anschlag vom Dezember verweisen, bei der sich der jordanische Arzt Humam al-Balawi zusammen mit sieben Mitgliedern des CIA an der Afghanischen Grenze zu Pakistan in die Luft sprengte. Wie Juan Cole schreibt, wurde al-Balawi allem Anschein nach durch den Irak Krieg und den Amerikanischen Anschlag auf Fallujah im Jahr 2004 radikalisiert.

Und dies nur zum Schluss: Bei all der Kritik an der US Politik im Nahen Osten, darf dies nicht als Relativierung oder Verharmlosung des Terrorismus verstanden werden. (Wer so etwas unterstellt, will nur einer Debatte ausweichen.) So wie Helen Thomas treibt viele Kritiker vielmehr das Bedürfnis, nicht wie Kleinkinder mit offensichtlich hanebüchenen Antworten à la „America-can-do-no-wrong“ abgespeist zu werden. Und Präsident Obama kann man zumindest zu Gute halten, dass er in der Vergangenheit die Bereitschaft gezeigt hat, offen über die Fehler seines Landes zu sprechen. Nur durch eine neue Offenheit in der Debatte könnte langfristig auch ein außenpolitischer Paradigmenwechsel entstehen.

Foto von Desmond Kavagnah, lizensiert unter Creative Commons (BY)

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